Read Ausreise per Antrag: Der lange Weg nach drüben: Eine Studie über Herrschaft und Alltag in der DDR-Provinz (Analysen und Dokumente, Bd. 36) (Analysen und Dokumente der BStU, Band 36) by Renate Hürtgen Online

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Am Beispiel der Antragsteller auf st ndige Ausreise im Kreis Halberstadt entwirft die Autorin ein anschauliches Bild der Gesellschaft und des Herrschaftsalltags in der DDR der Honecker ra Sie betrachtet sowohl die Herrschaftspraxis im regionalen Mikrokosmos der Macht und den Umgang der lokalen Funktion re mit den Antragstellern als auch die Ausreiser selbst, ihre Herkunft, Sozialisation und kulturellen Pr gungen sowie ihre Motive und das Verh ltnis zu ihrem sozialen Umfeld Dabei zeigt sich, dass unter den Antragstellern h ufig gerade jene waren, die bis dahin ein durchaus angepasstes Leben gef hrt hatten, dessen Grenzen sie nun nicht mehr ertragen wollten Die Studie entfaltet eine differenzierte Sicht auf die DDR Gesellschaft, in der trotz Allgegenwart der Sicherheitsapparate und geschlossener Grenzen auch Eigensinn und Zivilcourage praktiziert wurden....

Title : Ausreise per Antrag: Der lange Weg nach drüben: Eine Studie über Herrschaft und Alltag in der DDR-Provinz (Analysen und Dokumente, Bd. 36) (Analysen und Dokumente der BStU, Band 36)
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ISBN : 9783525350782
ISBN13 : 978-3525350782
Format Type : Hardcover
Language : Deutsch
Publisher : Vandenhoeck Auflage 1 12 M rz 2014
Number of Pages : 409 Pages
File Size : 675 KB
Status : Available For Download
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Ausreise per Antrag: Der lange Weg nach drüben: Eine Studie über Herrschaft und Alltag in der DDR-Provinz (Analysen und Dokumente, Bd. 36) (Analysen und Dokumente der BStU, Band 36) Reviews

  • Didi
    2019-04-24 09:40

    stark wissenschaftlich, keine Romanerzählung. Ansonsten interessant. War eine schlimme Zeit für die Ausreisewilligen. Einige waren bekannt.Manche wurden so auch enttarnt, die sich als Gegner ausgaben und Spitzel waren !

  • Altmerker
    2019-05-15 09:46

    Die recht prosaischen Erinnerungen „Aus meiner Feder“ von 2007 zieht - durchaus streitbar - Renate Hürtgen als eine Publikation zu Rate, um die Situation der Halberstädter in der DDR nachzuvollziehen. Doch die verdienstvolle Arbeit liegt dabei nicht immer auf der Linie gängiger Deutungen und kommt durchaus zu Ergebnissen, die sich nicht mit der bisherigen, immer wieder kolportierten oder anderswo verorteten Forschungen decken.Warum aber präsentiert gerade Halberstadt die ostdeutsche Provinz? Die 47,3 Kilometer langen Westgrenze war etwas Besonderes, doch ansonsten war Halberstadt wegen seiner Größe, seiner Einwohnerzahl und seiner sozialen Zusammensetzung ein durchschnittlicher DDR-Kreis. Zudem ist es der Autorin gelungen, fast alle zwischen 1975 und 1989 hier gestellten Anträge, die beim Rat des Kreises und der Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit lagen, in ihrer Studie zu berücksichtigen. Dabei zeichnet sich ein „scharfes und aufschlussreiches Bild der Halberstädter Gesellschaft“. Entgegen anderer Forschungen zählten bis kurz vor der Wende die Antragsteller zu eher niedrig qualifizierten Berufen aus dem Dienstleistungssektor des Kreises. Vertreter der Intelligenz oder aus kirchlichen Kreisen waren nur sehr gering vertreten. Bis in die Gegenwart offenbaren die Halberstädter bei den Untersuchungen von Renate Hürtgen ein zumeist distanziertes Verhältnis zum Thema Ausreise. Die Statistik belegt, dass zwischen 1973 und 1989 im Kreis Halberstadt insgesamt 819 Ausreiseanträge gestellt wurden. Die Zahl sei „sehr gering“. Gut die Hälfte wurde genehmigt, davon allein 261 im Jahr 1989. Hürtgen rückt das Ausreise-Bild gerade: „Nicht der Liedermacher oder Pfarrer...sondern die Kellnerin aus der Bahnhofsgaststätte der Lagerarbeiter und die Krankenschwester... prägten es.“ Dabei zeigt sich, dass unter den Antragstellern häufig gerade jene waren, die bis dahin ein durchaus angepasstes DDR-Leben geführt hatten, dessen Grenzen sie nun nicht mehr ertragen wollten.Korrigiert hat die Autorin auch die Mär vom jungen Mann als typischem Antragsteller. In Halberstadt war es das Ehepaar Anfang/Mitte 30 mit einem Kind, das in der Lebensmitte einen Neuanfang im Westen starten wollte. Diese Entscheidung verstanden sie als „höchst private Angelegenheit, die nicht in die Öffentlichkeit gehörte“. Von ihnen distanzierten sich nicht nur die „staatsloyalen Halberstädter“. Die Ergebnisse der Studien widersprechen auch der Darstellung, dass es einen großen Zusammenhalt der Antragsteller oder gar Netzwerke gab. Ein einziger Zusammenschluss Ende der 1980er Jahre kam diesem Netzwerkgedanken nahe. Die Verbindungen zur Kirche bezeichnet die Studie als „vereinzelt“ und nicht „milieubildend“. Einige Antragsteller fanden hier Hilfe vor der Ausreisegenehmigung oder Arbeit im fälschlicherweise als „Cecilienhof“ bezeichneten Diakonissenmutterhaus. Leider wird fehlerhaft auch 1988 noch vom Kreis Blankenburg geschrieben. „Die Kirchen in Halberstadt öffneten sich ohnehin erst im Herbst 1989“, zitiert die Autorin. Bis dahin habe „die Kirche nebst Junger Gemeinde keine Rolle für ein alternatives, unangepasstes Milieu“ gespielt.Der evangelischen Kirche in Halberstadt wird große „Staatloyalität“ bescheinigt. Die sechs „Übersiedlungsersuchenden“, die den Kirchenkontakt suchten, fuhren nach Westerhausen, in die Liebfrauenkirche Wernigerode und die Bartholomäuskirche Blankenburg. Die Treffen der Antragsteller in der Wernigeröder Liebfrauenkirche waren dann von der Ablehnung durch den Superintendenten ebenso geprägt wie durch den alten Pfarrer als „ängstlichem Verbündeten“ der Staatsmacht. Dagegen bedrängte der Landesbischof das Ausreisewillige unterstützende Blankenburger Pfarrerehepaar Minkner, „mit der Sache aufzuhören.“ Pfarrer Herbert Schneider bot ab 1988 in Huy-Neinstedt Antragstellern einen Treff an, was aber nur kurzzeitig ein Paar annahm. Er drängte auf die politische Wirkung der Ausreisewilligen in die Gesellschaft hinein. Damit stellte er sich gegen Amtskirche mit ihren kirchenoffiziellen „Appellen zur Beheimatung in der DDR“ und Staat gleichermaßen. Ein Resultat: Die Kirche versagte ihm eine Dozentur am Katechetischen Oberseminar Naumburg.Der Verdienst der Studie liegt auch darin, sich den Antragstellern in Interviews sehr direkt zuzuwenden. 17 Befragte aus dem Altkreis Halberstadt kommen dabei zu Wort. Sie beklagen das Duckmäusertum ihrer Mitbürger und die Abwendung von Kollegen, Freunden und Familienangehörigen von ihnen als „Ausreisewilligen“. Viele hielten ihre Pläne vor ihrem Umfeld lange geheim und erfüllten freiwillig das staatlich auferlegte „Schweigegebot“.Der Umgang mit den Ausreisewilligen erlaubt einen tiefen Blick ins Alltagsleben in der DDR-Provinz. Was die Antragsteller, die im Text anonymisiert sind, erlebten, zeigt, wie unkalkulierbar Entscheidungen der Abteilung Inneres im Rat des Kreises waren, wie unklar, wer wann was tat, wer vom MfS zugeführt, inhaftiert oder relativ unbehelligt blieb.Leider fehlt dabei die „Täterseite“, die vorwiegend aus Akten und IM-Berichten zu Wort kommt. Die Namen der Akteure auf staatlicher Seite, aber auch von Gemeindepfarrern werden zumeist genannt. Auffällig dabei, dass dabei nicht die Hierarchien dargestellt werden, so dass die wahre Stellung von Mitarbeitern, Vorgesetzten, hauptamtlichen und inoffiziellen Mitarbeitern des MfS sowie der Parteien nebulös bleibt.